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Ruhig schlafen in Rheda-Wiedenbrück: Havarie-Konzept für Hauptdruckleitung – Anschlussteil selbst entwickelt

Beitrag vom 18. November 2020
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Abwasserdruckleitung mit durchgerostetem Anschlussflansch

Kann einem Albträume verursachen: Hier schließt man lieber keine fliegende Leitung an.

Abwasserdruckleitung beschädigt? Dann ist aber richtig Alarm! Nicht nur, dass die Brühe irgendwohin läuft, wo sie nichts zu suchen hat. Man kann auch nicht einfach einen Abschnitt abschiebern und in Ruhe das Leck suchen und reparieren. Im schlimmsten Fall läuft dann ein ganzer Stadtteil voll Abwasser. Die Aussicht auf so eine Havarie kann einem den Schlaf rauben.

Da ist es schwer einen kühlen Kopf zu bewahren. Es sei denn, man ist gut vorbereitet und weiß, was jetzt zu tun ist. So könnte man mit einer sogenannten fliegenden Leitung schnell eine Umgehung der Schadstelle einrichten. Aber ist auch schon klar, dass man die genau da anschließen kann, wo man sie braucht? Sind die Anschlussstücke auch noch in Ordnung? Ein fertig ausgearbeitetes Havarie-Konzept kann helfen, im Fall der Fälle den Kopf nicht zu verlieren.

Havarie-Konzept wirkt beruhigend

Ludger Wördemann, Leiter des Kanalbetrieb Rheda-Wiedenbrück, kann jetzt wieder ruhig schlafen. Zumindest was seine Druckleitungen betrifft. Denn er hat gemeinsam mit seinem Team viel Grips und Arbeit in ein technisches Havarie-Konzept gesteckt, das bei einem möglichen Störfall an einer wichtigen Abwasserdruckleitung in seinem Netz greift.

„Der Umgang mit besonderen Betriebszuständen, wie sie bei Störfällen an Abwasserdruckleitungen auftreten können, ist komplex“, sagt Wördemann und berichtet in einem Video vom verwinkelten Weg zum eigenen Havarie-Konzept „Druckleitung“.

Am Anfang standen laut Wördemann drei Grundüberlegungen:

  • Was passiert, wenn irgendwo auf der 700 Meter langen Strecke der Hauptdruckleitung DN 400 eine Störung oder Havarie auftritt?
  • Welche technischen Maßnahmen müssen erfolgen?
  • Wie schnell müssen diese umgesetzt werden, damit Folgeschäden minimiert werden können?

Kurzes Zeitfenster die Umleitung einzurichten

Es zeigte sich schnell, dass eine optimale technische Lösung für die Instandsetzung einer Druckleitung immer vom Einzelfall und der Ausprägung des Störfalls abhängen wird. Den Beteiligten war jedoch auch klar: Im Havarie-Fall bleibt keine Zeit für grundlegende Planungen und die Umsetzung von umfassenden, individuellen Sanierungslösungen. Ein praktikables Havarie-Konzept müsste gewährleisten, dass das innerhalb wenigen Stunden wieder Abwasser transportiert werden kann und Zeit für die Umsetzung von dauerhaften Sanierungslösungen gewonnen wird.

Portrait eines Manns mit grauen Haaren und blauem HemdEs ging mit der Erstellung eines Notfallplans los, der nach DIN EN 752 grundsätzlich für alle Anlagen und Betriebszustände gefordert ist. Die Leitung, die uns besondere Sorgen bereitete, ist eine Hauptleitung, mit der ein ganzer Stadtteil entwässert wird. Wir pumpen pro Tag 5.000 Kubikmeter Wasser hindurch.
Zuerst haben wir eine Bestandsaufnahme mit dem „Smart-Ball-System“ gemacht, um einen Überblick über die Ausgangssituation zu bekommen. Gleichzeitig haben wir uns die die Armaturen angesehen und feststellen müssen, dass wir in den Schächten kaum Platz haben, um technisch umzubauen. Wir hatten im Bestand gar keine Möglichkeit, irgendwo fliegende Leitungen anzuflanschen oder Strecken separat abzuschiebern. Durch die kurze Reaktionszeit die uns im Ernstfall verbleibt – wir sprechen von rund neun Stunden – verschärfte sich die Situation noch zusätzlich.
Ludger Wördemann, Leiter Kanalbetrieb, Eigenbetrieb Abwasser Rheda-Wiedenbrück

Auf Grundlage der Überlegungen und Berechnungen wurde entschieden, die Druckleitung für die Einrichtung sogenannter fliegender Leitungen zu ertüchtigen. Die genaue Auswertung der Pumpenleistungen und die Berechnungen zum Rückstauvolumen ergaben eine Reaktionszeit von unter neun Stunden, in der es gelingen muss eine fliegende Leitung zu legen und genügend Abwasser umzupumpen, so dass keine Rückstauschäden entstehen. Das heißt, innerhalb dieser neun Stunden ist zu gewährleisten, dass eine Umleitung mit ausreichender Kapazität an der Havariestelle vorbeigeführt werden kann. Im nächsten Schritt mussten also auch die Leitungsdurchmesser für die fliegenden Leitungen bemessen und technische Anschlussmöglichkeiten geplant werden.

Wo die fliegende Leitung anschließen?

Baugrube einer Kanalbaustelle mit Bagger

Die Zugänglichkeit in den Schächten war größtenteils bescheiden. Da musste schweres Gerät ran.

Genau diese Anschlussmöglichkeiten entpuppten sich jedoch als Knackpunkt der ganzen Geschichte, da an sie besondere Anforderungen gestellt wurden: Neben der eigentlichen Funktion als Anschluss für fliegende Leitungen sollten die Bauteile die Strecke in Abschnitte abschiebern können und den Zugang für Reinigungsarbeiten und Kamerabefahrungen ermöglichen. Da sämtliche Einbauten möglichst in den vorhandenen Schächten platziert werden sollten, musste die Bauteillösung sehr kompakt ausfallen. Doch so ein Bauteil gab es am Markt nicht. „Und wenn es sowas noch nicht gibt, dann muss man es halt erfinden“, sagt Ludger Wördemann. So wurde in Rheda-Wiedenbrück das Universal-Service-Teil entwickelt.

Auf statische Berechnungen und regen Austausch folgte der Bau eines ersten Prototyps und dessen Probeeinbau. Und siehe da: Es funktionierte. So wurden weitere Exemplare in Auftrag gegeben, die in Nachtschichten eingebaut wurden, um die Stunden des minimalen Abwasseranfalls zu nutzen. Wo immer möglich wurden die notwendigen Bauteile auch in den vorhandenen Schacht integriert um zusätzlichen Aufwand zu reduzieren.

Absperren, entleeren, umleiten…

Schacht zu einer Abwasserdruckleitung mit Armaturen und blauen Handrädern

Kann so einiges, vor allem beruhigen: Einbau des neuen Universal-Service-Teils

Und so funktioniert das Universal-Service-Teil: Es wird in die 400er-Abwassertransportleitung eingesetzt und leitet im Normalfall das Abwasser einfach durch, das im Havariefall über zwei Anschlüsse mit der Nennweite DN 150 in fliegende Leitungen umgeleitet werden kann. Damit das gelingt, sind vor und nach dem Abzweig Schieber angeordnet. Nach dem Absperren kann das Bauteil entleert werden. Dann lassen sich die Flansche lösen und die Übergangsstücke für das anzuschließende Schlauchsystem der fliegenden Leitungen können montiert werden.

Sind die fliegenden Leitungen verlegt, wird der Zulaufschieber wieder geöffnet. Mit der betriebsüblichen Pumpenleistung wird das Abwasser bis zum nächsten Schacht übergepumpt, wo genau das gleiche System verbaut ist. Die Nutzung dieses Systems ist nach Wördemanns Ansicht die schnellste Möglichkeit eine Notfallentlastungstrecke einzurichten. Zusätzlich besitzen die Bauteile Reinigungsöffnungen, durch die TV-Kamera Befahrungen oder Reinigungen durchgeführt werden können. Zur zusätzlichen Be- und Entlüftung der Leitung sind entsprechende Ventile verbaut.

Drei Schritte zum Havarie-Konzept

Das Projekt wurde in drei Teilen bearbeitet. Zunächst wurde das strategische Konzept angegangen mit den Fragen nach den möglichen Havarie-Szenarien und den passenden Antworten darauf. Im zweiten Projektteil wurden die technischen Voraussetzungen für eine Abwasserumleitung geschaffen, insbesondere durch die Konstruktion und den Einbau der Universal-Service-Teile und Absperrschieber. Im dritten und abschließenden Projektteil galt es organisatorische Dinge zu regeln:

  • Mit welchem und mit wieviel Personal arbeitet man, um eine fliegende Leitung schnellstmöglich zu legen?
  • Sind die notwendigen Bauteile vorhanden und stets schnell einsatzbereit?
  • Welche Technik wird verwendet, um in kurzer Zeit große Strecken Leitungen zu verlegen?
  • Gibt es Hilfsmittel hierfür?

Trainieren für den Ernstfall

Ein solches Konzept muss nicht nur geplant und technisch und organisatorisch umgesetzt werden. Das Personal muss die Abläufe für den Ernstfall auch einstudieren und regelmäßig üben. In den Übungen wird sowohl der organisatorische Ablauf als auch der korrekte und schnelle Anschluss der fliegenden Leitungen gefestigt um im Havariefall kostbare Zeit zu sparen.

So vorbereitet verliert auch eine Druckleitungshavarie ihren Schrecken. Also keine schlaflosen Nächte mehr für Ludger Wördemann – zumindest nicht wegen der Rheda-Wiedebrücker Abwasserdruckleitungen. Wenn es doch einmal passieren sollte, dann weiß jetzt jeder, was er zu tun hat. Das Team wird die Lage im Nu wieder im Griff haben.

Ansprechpartner

Dipl.-Ing. Marco Schlüter, IKT
Tel.: 0209 17806-31
E-Mail: schlueter@ikt.de

 

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