Zu viel, zu wenig, zu schmutzig: Warum Regenwasser neu bewirtschaftet werden muss
Zu viel Wasser, zu wenig Wasser, schmutziges Wasser: Regenwasserbewirtschaftung ist längst mehr als Ableiten. Menge, Qualität, Starkregen und Dürre müssen gemeinsam gedacht werden. Was dies konkret für Stadtentwässerungen bedeutet, besprechen Prof. Dr.-Ing. habil. Bert Bosseler und Dr.-Ing. Maike Stover im Podcast „Umgang mit Regenwasser“.
Die zentrale Botschaft: Regenwasserbewirtschaftung ist heute eine hochrelevante Frage für Kommunen geworden. Es geht um Überflutungsvorsorge, Klimaanpassung, Hydraulik, Gewässerschutz, Stadtplanung, Betrieb, Recht und Finanzierung.
Was Betreiber aus der Podcast-Folge mitnehmen
- warum Kanalnetze nicht für jedes Extremereignis ausgelegt werden können,
- wie Wasserhaushaltsbilanzierung bei der Planung hilft,
- welche Rolle Verdunstung, Versickerung und Abfluss spielen,
- warum AFS63, Schwermetalle, Mikroplastik und gelöste Stoffe stärker in den Fokus rücken,
- weshalb zentrale und dezentrale Regenwasserbehandlung zusammen gedacht werden sollten,
- und warum Abwasserbetriebe beim Starkregen oft als „Kümmerer“ gefragt sind – aber nicht allein verantwortlich sein können.
Die vollständige Folge gibt es auf Spotify und podcast.de zu hören.
Regenwasser ist nicht gleich Regenwasser
Im Normalfall geht es in der Stadtentwässerung häufig um den sogenannten Bemessungsregen: Regenereignisse, für die Kanalnetze geplant, betrieben und nachgewiesen werden. Diese Aufgabe bleibt zentral. Das Kanalnetz muss den Entwässerungskomfort sicherstellen, Abflüsse ableiten und die Behandlung belasteter Regenwetterabflüsse ermöglichen.
Anders sieht es bei Extremereignissen aus. Starkregen kann in kurzer Zeit Wassermengen bringen, die technisch und wirtschaftlich nicht allein über unterirdische Kanäle beherrschbar sind. Würden Kanalnetze für seltene Extremereignisse dimensioniert, wären sie vielerorts baulich kaum umsetzbar und wirtschaftlich nicht vertretbar.
Damit verschiebt sich die Perspektive: Der Abwasserkanal bleibt wichtig. Aber er ist nur ein Baustein. Für Starkregen, Überflutungsvorsorge und Dürreperioden braucht es zusätzliche Lösungen an der Oberfläche, in der Stadtplanung und im Zusammenspiel vieler kommunaler Akteure.
Menge: Den lokalen Wasserhaushalt besser verstehen
Ein moderner Ansatz ist die Wasserhaushaltsbilanzierung. Dabei wird nicht nur gefragt, wie viel Wasser schnell abgeleitet werden kann. Entscheidend ist vielmehr: Wie würde sich der Regen im natürlichen Referenzzustand aufteilen?
Drei Größen stehen dabei im Mittelpunkt:
- Abfluss: Welcher Anteil fließt oberflächlich oder über technische Systeme ab?
- Grundwasserneubildung: Welcher Anteil versickert und trägt zur Anreicherung des Grundwassers bei?
- Verdunstung: Welcher Anteil wird über Boden, Vegetation und Oberflächen wieder an die Atmosphäre abgegeben?
Das Ziel: Auch in bebauten Gebieten soll die Abweichung vom natürlichen Wasserhaushalt möglichst gering bleiben. Das gilt für Neubaugebiete ebenso wie für den Bestand, auch wenn die Umsetzung dort deutlich schwieriger ist.
Blau-grüne Infrastruktur: Nicht alles hilft gegen alles
Blau-grüne Maßnahmen sind derzeit in aller Munde. Gemeint sind zum Beispiel Rinnen an der Oberfläche, Retentionsflächen, Versickerungsmulden, Rain Gardens, Baumrigolen, Gründächer oder entsiegelte Flächen.
Wichtig ist: Die Maßnahmen wirken unterschiedlich. Versickerungsmulden, Rigolen und Baumrigolen stärken vor allem die Versickerung und damit die Grundwasserneubildung. Gründächer wirken dagegen besonders über Rückhalt, Verzögerung und Verdunstung. Häufig braucht es deshalb Kombinationen, etwa ein Gründach mit nachgeschalteter Versickerung.
Der entscheidende Punkt ist nicht, möglichst viele Maßnahmen wahllos zu addieren. Entscheidend ist, die Maßnahmen passend zum Gebiet, zum Untergrund und zur gewünschten Wasserhaushaltsbilanz zusammenzusetzen.
Wie blau-grüne Infrastruktur im Straßenraum konkret aussehen kann, zeigt ein Praxisbeispiel im Video.
Praxispunkt für Kommunen:
Blau-grüne Infrastruktur ist kein reines Gestaltungselement. Viele Anlagen sehen natürlich aus, sind aber technische Bauwerke mit Speicherraum, Notüberlauf, Betriebsanforderungen und langfristigem Unterhaltungsbedarf.
Qualität: Der Schmutz steckt oft im feinen Korn

Regenwasser von Verkehrsflächen kann durch Straßenstaub, Schwermetalle, Öle und Reifenabrieb belastet sein.
Regenwasser ist nicht automatisch sauber. Gerade von Verkehrsflächen werden Stoffe abgeschwemmt, die für Gewässer relevant sind. Im Podcast beschreibt Maike Stover sehr anschaulich, dass man vereinfacht vom „Straßenstaub“ sprechen kann. Fachlich geht es um abfiltrierbare Stoffe, kurz AFS.
Besonders wichtig ist inzwischen die feinere Fraktion AFS63. Je kleiner die Partikel, desto größer ist ihre spezifische Oberfläche. An diesen feinen Partikeln können sich Schadstoffe anlagern, etwa Schwermetalle, Mineralölkohlenwasserstoffe, PAK, Öle, Pestizide, PFAS oder Mikroplastik. Hinzu kommt: Einige Stoffe liegen nicht nur partikulär gebunden, sondern auch gelöst vor.
Damit wird Regenwasserbehandlung anspruchsvoller. Grobe Sedimentation allein reicht für viele Fragestellungen nicht mehr aus. Filtration und weitergehende Behandlungsansätze rücken stärker in den Fokus.

Drosselorgane und Regenbecken: Betrieb, Kontrolle und hydraulische Funktion bleiben zentrale Praxisfragen.
Bestehende Regenbecken: Prüfen, optimieren, weiterentwickeln
Viele Regenklärbecken und Regenüberlaufbecken wurden zu einer Zeit gebaut, in der andere Zielgrößen und Bemessungsansätze im Vordergrund standen. Das bedeutet nicht, dass bestehende Anlagen pauschal ersetzt werden müssen. Aber sie sollten fachlich überprüft und, wo sinnvoll, optimiert werden.
Mögliche Ansatzpunkte sind unter anderem:
- hydraulische Optimierungen im Zulauf,
- die Verringerung der Beschickung durch Abkopplung wenig belasteter Flächen,
- Lamellen zur Verbesserung der Abscheideleistung,
- technische Filterelemente,
- oder andere nachrüstbare Systeme.
Ein wichtiger Hebel liegt bereits im Einzugsgebiet: Wenn sauberes oder wenig belastetes Regenwasser im Gebiet gehalten, versickert oder verdunstet werden kann, muss es nicht unnötig zentrale Behandlungsanlagen belasten.
Dezentrale Anlagen: Große Vielfalt, viele Betreiberfragen
Neben zentralen Bauwerken spielen dezentrale Anlagen eine wachsende Rolle. Sie können direkt an belasteten Flächen ansetzen und zum Beispiel helfen, stark belastete Teilströme vorzubehandeln. Gleichzeitig ist der Markt groß und unübersichtlich: Anlagen unterscheiden sich nach Wirkprinzip, Bauform, Einsatzbereich, Wartungsbedarf und betrieblicher Robustheit.
Genau hier setzt die IKT-Perspektive an: Für Betreiber zählt nicht nur, welche Reinigungsleistung eine Anlage unter Prüfbedingungen erreicht. Entscheidend ist auch, wie sie sich im Betrieb verhält. Wie schnell setzt ein Filter zu? Wie aufwendig ist die Reinigung? Welche Wartungsintervalle sind realistisch? Wie funktioniert die Anlage nach Monaten oder Jahren im tatsächlichen Einsatz?
Deshalb ist der Blick auf Betrieb, Wartung und Praxistauglichkeit mindestens so wichtig wie der Blick auf Laborwerte.
Starkregen: Abwasserbetriebe als Kümmerer – aber nicht als Einzelkämpfer
Bei Starkregen zeigt sich besonders deutlich, dass Regenwasserbewirtschaftung eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Abwasserbetriebe verfügen über viel Kompetenz: Sie kennen das Abflussgeschehen, betreiben Kanalnetze, rechnen hydraulische Modelle und erstellen Starkregengefahrenkarten.
Viele Betriebe verstehen sich deshalb zunehmend als fachliche Kümmerer. Sie liefern Daten, erkennen Bedarfe und bringen Hinweise in Stadtplanung, Straßenbau, Grünflächenplanung, Katastrophenschutz und Verwaltung ein.
Aber: Eine Stadt vollständig gegen Starkregen zu schützen, kann nicht allein Aufgabe der Stadtentwässerung sein. Rechtliche Zuständigkeiten, Finanzierung und Umsetzung müssen interkommunal und fachübergreifend geklärt werden. Gerade bei Maßnahmen an der Oberfläche sind Straßen, Plätze, Grünflächen, Gebäude, private Grundstücke und öffentliche Infrastruktur gemeinsam zu betrachten.
Praxispunkt für Betreiber:
Starkregenvorsorge beginnt nicht erst im Ereignis. Abwasserbetriebe können wichtige Grundlagen liefern: Gefahrenkarten, Bedarfsräume, Hinweise auf kritische Punkte und fachliche Impulse für kommunale Planungsprozesse.
Digitalisierung und KI: Mehr Zeit zum Handeln gewinnen
Ein weiterer Punkt aus dem Podcast: Digitalisierung und KI werden auch in der Starkregenvorsorge konkreter. Ein möglicher Nutzen liegt darin, Vorhersagen und Simulationsprozesse zu beschleunigen. Wenn KI-Modelle auf Basis vieler Simulationsdaten sehr schnell abschätzen können, welche Überflutungssituation wahrscheinlich entsteht, kann im Ereignis wertvolle Zeit gewonnen werden.
Diese Zeit kann für Warnung, Krisenstab, Feuerwehr, THW und kommunale Einsatzkräfte entscheidend sein. KI ersetzt dabei nicht die fachliche Bewertung. Sie kann aber helfen, komplexe Daten schneller in handlungsrelevante Informationen zu übersetzen.

Kommunales Netzwerk der Abwasserbetriebe – KomNetABWASSER: voneinander lernen, sich gegenseitig mit Wissen und Erfahrungen unterstützen
Regenwasserbewirtschaftung braucht kluge Köpfe, die sich kennen
Zum Schluss der Podcast-Folge bringt Maike Stover einen Satz mit, der gut zum Thema passt: Kluge Köpfe kennen. Genau darum geht es in der Regenwasserbewirtschaftung. Die Aufgaben sind zu vielfältig, um sie isoliert zu lösen.
Wasserhaushaltsbilanzierung, Behandlung von Regenwetterabflüssen, Starkregen, Dürre, Betrieb, Satzung, Gebühren, Planung im Bestand und neue technische Anlagen: Niemand kann überall allein Experte sein. Umso wichtiger ist der Austausch zwischen Stadtentwässerungen, Planern, Behörden und Forschung.
Das IKT bringt diese Perspektiven zusammen: in Forschung und Prüfung, im KomNetABWASSER, in Fachkursen, Praxisformaten und im Austausch mit den Abwasserbetrieben.
Hörtipp: „Umgang mit Regenwasser“ im KanalSpezial-Podcast
Prof. Dr.-Ing. habil. Bert Bosseler, Wissenschaftlicher Leiter des IKT
Kontakt: bosseler@ikt.deWer tiefer einsteigen möchte, sollte die vollständige Podcast-Folge hören. Prof. Dr.-Ing. habil. Bert Bosseler und Dr.-Ing. Maike Stover ordnen die Themen verständlich ein und zeigen, warum Regenwasserbewirtschaftung heute integral gedacht werden muss.
Der Podcast zeigt: Umgang mit Regenwasser ist kein Randthema, sondern ein Schlüssel für funktionierende und klimaangepasste Stadtentwässerung.
Vom Überblick zur Anwendung: Zertifikatslehrgang Regenwassermanagement
Wer Regenwasser systematisch, rechtssicher und nachhaltig managen will, kann die Themen im Zertifikatslehrgang Regenwassermanagement des IKT vertiefen.
Der Lehrgang führt von der Grundstücksgrenze bis zur Einleitung in das Gewässer. Im Mittelpunkt stehen moderne Ansätze der integralen Regenwasserbewirtschaftung, praktische Nachweise zur Behandlung und Rückhaltung von Regenabflüssen, aktuelle Anforderungen aus dem Wasserrecht, Überflutungsschutz als Beitrag zur Klimaanpassung und die Einbindung öffentlicher und privater Stakeholder.
Er richtet sich an Fachplanerinnen und Fachplaner in Stadtentwässerungen und Ingenieurbüros, Stadtplaner, Bau- und
Umweltämter sowie Verkehrs- und Freiflächenplaner – kurz: an alle, die Regenwasser fachlich fundiert planen, bewerten und umsetzen müssen.Die Themen im Überblick
- Ziel einer integralen Regenwasserbewirtschaftung
- „Leistungsphase 0“ und frühzeitige Einbindung der Stakeholder
- rechtliche Grundlagen: Was ist Pflicht, was ist Kür?
- Wasserhaushaltsbilanzierung als Steuerungselement
- Abkopplung, Retention und blau-grüne Infrastrukturen
- Nachweis der Regenwetteremissionen nach DWA-A 102-2 / BWK-A 3-2
- Schmutzfrachtsimulation und Frachten im Gebiet
- zentrale und dezentrale Behandlungsanlagen
- Starkregen, Sturzfluten und Überflutungsschutz im urbanen Gebiet
- Praxisanwendungen an einem Plangebiet
Jetzt informieren und anmelden
Dr.-Ing. Maike Stover, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am IKT
Kontakt: stover@ikt.deZertifikatslehrgang Regenwassermanagement
Online: 2. bis 6. November 2026
Seminarleitung: Dr.-Ing. Maike Stover, IKT
Für Teilnehmer aus dem KomNetABWASSER ist der Lehrgang kostenfrei.
Programm und Anmeldung:
IKT-Zertifikatslehrgang „Regenwassermanagement“
Fazit: Regenwasserbewirtschaftung ist eine integrale Aufgabe
Regenwasserbewirtschaftung ist heute eine integrale Aufgabe. Sie beginnt nicht erst am Einlauf und endet nicht am Auslaufbauwerk. Sie verbindet Wasserhaushalt, Gewässerschutz, Stadtentwicklung, Betrieb und Vorsorge. Genau deshalb lohnt es sich, jetzt genauer hinzuschauen – im Podcast, im Kommunalen Netzwerk der Abwasserbetriebe KomNetABWASSER und im Lehrgang.
























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