Kanalbetrieb: Zwischen Pflichtaufgabe, Innovation und Helferrolle
Kanalbetrieb ist keine Aufgabe, die irgendwann erledigt ist.
Er läuft rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr – im Normalbetrieb ebenso wie bei Starkregen, Blackout, Pandemie oder anderen außergewöhnlichen Lagen. Dabei geht es nicht nur um Reinigung und Inspektion, sondern um Funktionssicherheit, Werterhalt, Überflutungsvorsorge und kommunale Daseinsvorsorge.
In dieser Folge der IKT-Podcastreihe „KanalSpezial“ spricht Prof. Dr.-Ing. Bert Bosseler mit Christian Bone, Leitthemen-Sprecher Kanalbetrieb am IKT, über die zentrale Rolle des Kanalbetriebs. Bone ist Umweltingenieur, seit vielen Jahren im Institut tätig und befasst sich aktuell in seiner Doktorarbeit mit dem Kanalbetrieb.
Die zentrale Botschaft des Gesprächs: Kanalbetrieb ist deutlich mehr als eine technische Pflichtaufgabe. Er ist Daueraufgabe, Innovationsfeld, Resilienzfaktor – und im Krisenfall oft auch ganz praktische Hilfe vor Ort.
Was Betreiber aus dem Beitrag mitnehmen
- warum der Kanalbetrieb als „Hausherr“ des Netzes verstanden werden kann,
- welche neuen Inspektionstechniken den Betrieb verändern,
- welches Potenzial in Daten, E-Antrieben und Fahrzeugtechnik steckt,
- warum Starkregenvorsorge auch eine Betriebsaufgabe ist,
- wie Reallabore helfen können, neue Verfahren unter Praxisbedingungen zu bewerten.
Kanalbetrieb als Dauerprojekt
Der Kanalbetrieb ist ein Dauerprojekt, denn die Abwasserbeseitigung muss jederzeit funktionieren – Tag und Nacht, werktags, sonntags, an Feiertagen und in Krisensituationen.Damit übernimmt der Kanalbetrieb eine zentrale Verantwortung für einen großen kommunalen Vermögenswert. Er sorgt dafür, dass Netze funktionsfähig bleiben, Anforderungen aus Wasserhaushaltsgesetz sowie Selbstüberwachungs- und Eigenkontrollverordnungen eingehalten werden und Störungen im Betrieb möglichst früh erkannt und behoben werden.
Christian Bone beschreibt den Kanalbetrieb dabei sinngemäß als Hausherrn des Netzes. Denn der Betrieb kennt die Anlagen, sieht wiederkehrende Schwachstellen, erlebt die Folgen von Ablagerungen, Wurzeleinwuchs, Schäden oder Fehlanschlüssen im Alltag – und liefert damit wichtige Grundlagen für Unterhaltung, Sanierung und Investitionsentscheidungen.
Aber: Das Image des Kanalbetriebs ist vielerorts noch ausbaufähig. Dabei ist gerade der Betrieb maßgeblich dafür verantwortlich, dass kommunale Entwässerungssysteme zuverlässig funktionieren.
„Umwelthelden meiner Stadt“
Der Kanalbetrieb arbeitet oft im Hintergrund – und ist doch zentral für Umwelt, Gesundheit, Funktionssicherheit und kommunale Daseinsvorsorge.
Der Imagefilm „Umwelthelden meiner Stadt“ macht sichtbar, was Stadtentwässerungen täglich leisten.
Er zeigt Bürgerinnen und Bürgern, warum diese Arbeit wichtig ist – und kann zugleich helfen, neue Mitarbeiter für den Betrieb zu begeistern.
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Neue Inspektionstechniken: sehen, bewerten, gezielter handeln
Ein Schwerpunkt der Podcast-Folge liegt auf neuen technischen Möglichkeiten in der Inspektion. Dabei geht es nicht darum, klassische TV-Inspektionen einfach zu ersetzen. Vielmehr eröffnen neue Verfahren zusätzliche Perspektiven auf den Zustand des Netzes – schneller, häufiger und teilweise mit geringerem Aufwand.
Sehende Düse: Reinigung und Kontrolle verbinden
Die sogenannte „sehende Düse“ kombiniert Reinigungsdüse und Kamera. Das Betriebspersonal kann live sehen, was bei der Reinigung passiert, und Spülparameter an die örtlichen Randbedingungen anpassen – etwa bei Linern, Kurzlinern oder empfindlichen Rohrabschnitten.
Damit wird die Düse nicht nur zum Reinigungswerkzeug, sondern auch zu einer zusätzlichen Informationsquelle. Schäden oder Auffälligkeiten können unmittelbar erkannt werden. Perspektivisch könnte dies dazu beitragen, Inspektionsintervalle stärker am tatsächlichen Bedarf auszurichten.
Elektronischer Kanalspiegel: schneller Blick in die Haltung

Elektronischer Kanalspiegel: In die Schächte muss man sowieso schauen – warum nicht gleich auch die Haltungen inspizieren?
Für Betreiber liegt der Nutzen vor allem in der schnellen Orientierung: Wo gibt es Auffälligkeiten? Wo lohnt eine genauere Untersuchung? Wo reicht zunächst eine Sichtkontrolle als ergänzender Baustein im Betrieb?
Drohnen: Potenzial für Großprofile und Bauwerke
Drohnen gewinnen insbesondere in Großprofilen, Regenwasserbauwerken und der Gewässerunterhaltung an Bedeutung. Die Netzbetreiber zeigen sich laut Podcast offen für diese Technik, sehen aber auch noch Entwicklungsbedarf – etwa bei Flugzeiten, Signalübertragung und Vermessungsmöglichkeiten.
Perspektivisch könnten Drohnen in bestimmten Fällen eine vollwertigere Inspektion ermöglichen. Der Weg dorthin führt jedoch über Praxiserfahrungen, technische Weiterentwicklung und klare Bewertungsmaßstäbe.
Praxispunkt für Betreiber:
Neue Inspektionstechniken sollten nicht isoliert betrachtet werden. Sinnvoll ist ein risikoorientierter Mix aus häufigeren, weniger aufwendigen Sichtkontrollen und selteneren, dafür sehr detaillierten Kamerabefahrungen.
Spülfahrzeuge: E-Antriebe, Daten und Verfügbarkeit
Spülfahrzeuge sind ein zentrales Werkzeug des Kanalbetriebs. Beim jährlichen Tag der Kanalreinigung des IKT – der laut Podcast faktisch auch ein „Tag des Kanalbetriebs“ ist – stehen Fahrzeugtechnik, Reinigungserfolg und Weiterentwicklung der Spültechnik regelmäßig im Mittelpunkt.
Neben klassischer Fahrzeugtechnik rücken zunehmend alternative Antriebe in den Fokus. Erste E-Spülfahrzeuge werden insbesondere für Nachteinsätze geschätzt. Mit Zwischenladungen lassen sich viele Standardaufgaben bereits heute bewältigen. Gleichzeitig sind noch nicht alle Einsatzfälle abgedeckt – etwa besonders lange oder leistungsintensive Reinigungen in Großprofilen.
Parallel nimmt die Datenerfassung in den Fahrzeugen zu. Moderne Systeme dokumentieren Reinigungsdruck, Durchfluss, Spülstrahl-Leistungsdichte, Leitungslängen und weitere Parameter. Darin liegt ein großes Potenzial für die Optimierung von Reinigungseinsätzen – perspektivisch auch mit KI-Anwendungen.Ein entscheidender Punkt bleibt jedoch: Der tatsächliche Reinigungserfolg vor und nach dem Einsatz wird bislang häufig nicht systematisch erfasst. Genau hier liegt eine wichtige Aufgabe für künftige Entwicklung, Forschung und Praxisversuche.
Hinzu kommt ein sehr praktisches Thema: lange Lieferzeiten neuer Fahrzeuge. Deshalb diskutieren Betreiber auch die Generalüberholung bewährter Fahrzeuge als Alternative zur Neubeschaffung.

Auch blau-grüne Infrastruktur bleibt Betriebsaufgabe: Schwammstadt-Elemente im dicht bebauten urbanen Raum müssen regelmäßig kontrolliert und gereinigt werden.
Starkregen: Kanalbetrieb als Resilienzfaktor
Überflutungsvorsorge beginnt nicht erst beim außergewöhnlichen Ereignis. Aus Sicht des Kanalbetriebs ist bereits die regelkonforme Unterhaltung des Netzes ein wichtiger Beitrag zur Resilienz: Leitungen, Schächte, Einläufe und Bauwerke müssen funktionsfähig sein, Verstopfungen vermieden und kritische Punkte bekannt sein.
Im Podcast wird der im KomNetABWASSER entwickelte Starkregen-Check Kanalbetrieb erläutert. Er unterscheidet vier Phasen:
- Vorsorge: kritische Punkte kennen, reinigen und instand halten,
- Warnung: auf angekündigte Ereignisse vorbereitet sein,
- Bewältigung: im Ereignis handlungsfähig bleiben,
- Nachsorge: Erfahrungen auswerten und Abläufe verbessern.
Damit wird deutlich: Kanalbetrieb ist ein Baustein kommunaler Gefahrenabwehr. Er kann Starkregen nicht verhindern, aber er kann dazu beitragen, dass Entwässerungssysteme im Rahmen ihrer Möglichkeiten leistungsfähig bleiben und kritische Situationen besser vorbereitet werden.
Kanalbetrieb als Helfer im Krisenfall
Besonders deutlich wird die Rolle des Kanalbetriebs am Beispiel der Flutkatastrophe im Ahrtal. Lokale Betriebe waren selbst massiv betroffen. Über das Kommunale Netzwerk der Abwasserbetriebe – KomNetABWASSER wurde deshalb Unterstützung von außen durch nicht betroffene Abwasserbetriebe organisiert.
Die eingesetzten Kanalbetriebe wurden vor Ort als wichtige Helfer sichtbar – mit Fahrzeugen, Personal, Erfahrung und konkreter technischer Unterstützung. Der Podcast macht deutlich: In solchen Situationen zeigt sich, welche Bedeutung der Kanalbetrieb für kommunale Handlungsfähigkeit und Wiederherstellung hat.
Diese Erfahrungen haben auch die Diskussion über Überflutungsvorsorge abwassertechnischer Anlagen weiter gestärkt. Im Netzwerk wurden dazu Checklisten, Grobanalysen, Muster-Ausschreibungstexte und weitere Arbeitshilfen aufbereitet.
Reallabore: Forschung näher an die Praxis bringen
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist der Reallabor-Ansatz, den Christian Bone im Rahmen seiner Dissertation entwickelt. Ziel ist es, reale Praxisbedingungen systematisch für Forschung, Bewertung und Wissenstransfer nutzbar zu machen.
Reallabore sind experimentelle Räume, in denen neue Techniken und Verfahren unter realen Bedingungen erprobt werden können. Dabei geht es nicht um Forschung neben der Praxis, sondern um Forschung mit der Praxis.
Rattenbekämpfung unter neuen Rahmenbedingungen
Ein mögliches Reallabor-Thema ist die Rattenbekämpfung. Hintergrund sind verschärfte rechtliche Vorgaben zur Nutzung von Giftködern. Künftig dürfen Köder nur noch in Köderboxen ausgebracht werden. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass kein Kontakt der Köder mit Abwasser erfolgt.In Reallaborprojekten könnten unter realen Netzbedingungen sowohl Pflichtanforderungen als auch Wirksamkeitsfragen untersucht werden: Werden Köder angenommen? Wie ist die Fangquote? Welche organisatorischen Fragen entstehen bei Zuständigkeit, Qualifikation und Abrechnung?
Fahrzeugcheck Kanalreinigung
Ein weiteres Thema ist der Fahrzeug-Check Kanalreinigung des IKT. Aufbauend auf bestehenden Fahrzeugchecks sollen im Feldversuch technische Parameter wie Spülstrahl-Leistungsdichte, Druck und Leistungsniveau mit dem tatsächlichen Reinigungserfolg verknüpft werden.
Das Ziel: besser verstehen, welche Leistung für einen guten Reinigungserfolg tatsächlich erforderlich ist – und wie sich Fahrzeuge möglichst energieeffizient und betriebssicher einsetzen lassen.
Dezentrale Regenwasserbehandlung
Auch dezentrale Regenwasserbehandlungsanlagen stehen im Fokus. Im Anschluss an das Regelwerk DWA-A 102 sollen gemeinsam mit Kommunen reale Leistungsfähigkeiten von Anlagen untersucht werden – etwa beim Rückhalt von AFS63, Pflanzenschutzmitteln, Mikroplastik und Phosphor.
Dabei geht es nicht nur um die Anlage selbst, sondern auch um Einzugsgebietscharakteristik, Trockenwetterzeiten und Ereignisregime. Genau solche Praxisbedingungen entscheiden häufig darüber, wie gut technische Lösungen im Netz tatsächlich wirken.
Praxispunkt für Kommunen:
Reallabore können helfen, neue Verfahren nicht nur theoretisch zu bewerten, sondern unter echten Betriebsbedingungen zu prüfen – gemeinsam mit den Betrieben, die später damit arbeiten.

Tag der Kanalreinigung 2026
zentrales Jahrestreffen des Betriebspersonals
Motto 2026:
von Kanalarbeit KA bis Künstliche Intelligenz KI
24. – 25. Juni 2026
Programm und Anmeldung zum Tag der Kanalreinigung 2026
Fazit: Kanalbetrieb darf selbstbewusster auftreten
Die Podcast-Folge macht deutlich: Kanalbetrieb ist weit mehr als Reinigung, Kontrolle und Störungsbeseitigung. Er sichert den laufenden Betrieb, schützt kommunale Vermögenswerte, unterstützt Überflutungsvorsorge, liefert wichtige Zustandsinformationen und hilft im Krisenfall.
Für Betreiber bedeutet das:
- Kanalbetrieb als Daueraufgabe und strategischen Baustein verstehen,
- neue Inspektionstechniken risikoorientiert einordnen,
- Fahrzeugdaten stärker mit dem tatsächlichen Reinigungserfolg verknüpfen,
- Starkregenvorsorge auch aus Betriebssicht organisieren,
- Reallabore nutzen, um neue Verfahren unter Praxisbedingungen zu bewerten.
Christian Bone appelliert im Podcast an die Kanalbetriebe, selbstbewusster aufzutreten. Der Kanalbetrieb muss sich nicht verstecken. Er ist eine zentrale Stelle für Werterhalt, Funktionssicherheit und Daseinsvorsorge – und damit ein unverzichtbarer Teil kommunaler Leistungen.
Prof. Dr.-Ing. habil. Bert Bosseler, Wissenschaftlicher Leiter des IKT
Kontakt: bosseler@ikt.deKanalSpezial – der KomNetAbwasser-Podcast des IKT
Folge IKT12: Kanalbetrieb
Im Podcast sprechen Prof. Dr.-Ing. Bert Bosseler und Christian Bone über den Kanalbetrieb zwischen Pflichtaufgabe, Innovation und Helferrolle.
Christian Bone, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IKT
Kontakt: bone@ikt.deTag der Kanalreinigung 2026
Plattform für Technik, Team und Austausch
24. und 25. Juni 2026 in Bochum
Seien Sie dabei: Programm und Anmeldung
Bilder vom Tag der Kanalreinigung 2025























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